Geschichte des Hauses

Das Gebäude, in dem sich das Oscar-Romero-Haus befindet, hat eine lange, zu großen Teilen eher  unangenehme Geschichte, die bereits im 19. Jahrhundert beginnt. Im Folgenden findet sich ein kleiner Überblick über die Geschichte des Gebäudes und der anschließenden Gründung des Oscar-Romero-Hauses.

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[sstoggle title="Überblick: vom Kreis-Cantongefängniß zum Oscar-Romero-Haus"]

“Euer wohlgeboren benachrichtige ich hiermit, daß das neuerbaute Kreis-Cantongefängniß in der Viktoriastraße hierselbst heute bezogen worden ist.”

Mit dieser kurzen Nachricht des Landrats von Sandt beginnt die Geschichte des Gebäudes an der heutigen Heerstraße. Im Jahr 1867 kauft der Kreis ein Grundstück zur Errichtung eines neuen Kantonsgefängnis, das am 12. Januar 1869, nach zweijähriger Bauzeit, bezogen wird. Damalige Adresse: Viktoriastraße 27. Von 1894 bis 1930 dient der Bau als Frauengefängnis. Ab dem Jahr 1930 wird das größere Gefängnis in der Wilhelmstraße als Frauengefängnis genutzt, die katholische Caritaszentrale plant den Umbau des Hauses in der Viktoriastraße zum Obdachlosenasyl.

Seit dem 1.April 1933 gilt das Haus als an die SS verpachtet bzw. vermietet, die es als SS-Heim, aber auch als Gefängnis “nutzt”. Am 11. Juli 1933 wird hier der

Kommunist Josef Messinger zu Tode gefoltert.

Von 1945 bis 1962 wird das Haus von der Verwaltung als Ausweichquartier genutzt, nach einem Umbau 1963 dient es als Notwohnung für “zahlungssäumige Mieter”. Das Haus verkommt, und im Rahmen des U-Bahnbaus erwägt die Stadt Bonn den Abriß.

Im Jahr 1973 zieht Martin Huthmann, Pfarrer der Katholischen Studentengemeinde (KSG), in das Haus ein und setzt es mit engagierten Studierenden wieder instand. Ein erfolgreicher Spendenaufruf ermöglicht es dem neugegründeten Förderkreis 1982, das Haus zu kaufen. Im gleichen Jahr erhielt es auch den Namen des ermordeten Erzbischof von San Salvador: Oscar Romero.
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[sstoggle title="1869-1894: Kreis-Cantongefängniß"]

dokument19.JhdtAm 12. Januar 1869 konnte das neue Gefängnis in der damaligen Viktoriastraße bezogen werden. 1878 wurde das Gefängnis nach Westen hin um einen Trakt erweitert. In dem Erweiterungsbau war auch ein “geeigneter Raum für eine Kapelle” vorhanden. Damit war eine wichtige Grundlage für die regelmäßige Gefängnisseelsorge geschaffen.

Die Gefangenen, die im Kreis-Cantongefängnis einsaßen, waren in der Regel von den Polizeigerichten abgeurteilt worden. Ihre Vergehen fielen in den Bereich der Übertretungen, die mit einer Höchststrafe von 6 Wochen geahndet werden konnten. Mehr als zwei Drittel der Häftlinge waren wegen Landstreicherei und Bettelei verurteilt, der Rest saß wegen Schulversäumnis (ihrer Kinder) und Wald- und Forstfrevel ein.

Durch einige Spenden war im Cantongefängnis auch eine Bibliothek entstanden. Titel wie “Der Branntwein, des Satans Blut”, “Lange Buße für schnelle That” oder “Geld ist des Teufels Helfer” lassen auf die moralisierende Absicht dieser Bibliothek schließen…
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[sstoggle title="Bis 1918: 'Königliches Weibergefängniß'"]

Die männlichen Gefangenen aus dem Kantongefängnis wurden im 1864 erbauten Gefängnis hinter dem Landgericht untergebracht, die dort bisher in Gewahrsam genommenen Frauen sämtlich im Haus an der Viktoriastraße, das von nun an “Königliches Weibergefängniß” hieß.

Aufgrund der baulichen und sanitären Verhältnisse war eine spezialisierte Unterbringung und damit eine wirkliche Resozialisierung kaum möglich. Ohnehin beschränkte sich die Resozialisierung darauf, die Frauen wieder für den Arbeitsmarkt verfügbar zu machen.

Die Arbeit der Frauen im “Königlichen Weibergefängniß” bestand hauptsächlich darin, neben ihrer eigenen die gesamte Wäsche des Männergefängnisses zu erledigen. Dazu war bereits im Jahr 1892 der Anschluß des Hauses an die städtische Kanalisation beantragt und 1899 im Hof des Gefängnisses eine Waschküche gebaut worden.
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[sstoggle title="Die 20er Jahre: November-Revolution und Weimarer Republik"]

Im Zuge der Revolution, die in Bonn einen wohl einzigartigen Arbeiter-, Bürger- und Soldatenrat hervorbrachte, stürmten revoltierende Soldaten am 8. November 1918 zuerst das Militärgefängnis und dann die übrigen Gefängnisse. Vermutlich landeten viele der Frauen auf die ein oder andere Weise wieder im Frauengefängnis.

Die 20er Jahre brachten wesentliche Veränderungen im Strafvollzug an Frauen. Infolge des Gesetzes zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten von 1927 war die sogenannte “Gewerbsunzucht” kaum noch strafbar. Die betroffenen Frauen gehörten nun in den Bereich der Gefährdetenfürsorge. Schließlich wurde versucht, die sog. “geistig Minderwertigen”, deren Zahl angeblich gerade unter gefangenen Frauen auffallend hoch war, aus dem Strafvollzug auszugliedern. In die Gefängnisse eingeliefert werden sollten nur noch diejenigen, die dort tatsächlich erzogen und positiv beeinflußt werden konnten.

Diese Reformen zeigen die Versuche zur Zeit der Weimarer Republik, einen modernen Strafvollzug zu entwickeln, bei dem der Resozialisierungsgedanke im Vordergrund stand. Das Bonner Frauengefängnis, das diesbezüglich als veraltet gelten mußte, wurde daher zum 1. November 1930 aufgelöst. Nach der Schließung der Frauenhaftanstalt plante die Bonner Caritaszentrale einen Umbau des Gebäudes zum Obdachlosenasyl. Stattdessen wurde das Haus 1933 von der Stadt der NSDAP überlassen, die es in den folgenden Jahren als Kaserne der Bonner SS nutzte.

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[sstoggle title="1933-1945 Schreckenszeit im Nationalsozialismus"]

haus_kellerAb dem 1. April 1933 nutzte die NSDAP das Haus an der Viktoriastraße. Allerdings liegt erst für Oktober 1934 ein Mietvertrag vor. Obwohl das Liegenschaftsamt die Miete auf 180 DM monatlich festgelegt hatte, zahlte die SS nur eine Anerkennungsgebühr von 15 DM pro Monat.

Das alte Gefängnis wurde zu einem der gefürchteten “wilden KZ’s”, die es 1933 überall im Reichsgebiet gab. Für viele Bonner und Bonnerinnen wurde in dieser Zeit das Haus ein Ort des Grauens. Es liegen zahlreiche Aussagen von Männern und Frauen vor, die in der SS-Kaserne festgehalten, gefoltert und verhört wurden. So wurde am 11. Juli 1933 der Beuler Kommunist Josef Messinger zu Tode gefoltert.

Im Zuge der planmäßigen Vorbereitung eines Krieges wurden geeignete Räume zu Luftschutzräumen ausgebaut; Luftschutzübungen wurden für die Bonner zur Pflicht. Auch in dem ehemaligen Kantongefängnis wurden seit 1938 in dem älteren, von 1869 stammenden Teil insgesamt 4 Räume zu öffentlichen Luftschutzräumen (ÖLSR) umgebaut.

Die Ausschilderungen des Bunkers sind noch heute im Keller zu sehen. 1938 zog die Technische Nothilfe (TN), eine Vorläuferorganisation des Technischen Hilfswerks, in das Haus ein und übernahm seit 1940 die Verwaltung des Hauses. Schließlich zog 1943 auch noch die bisher in der Mädchenschule in Endenich untergebrachte Abteilung der Luftschutzpolizei in das Gebäude Viktoriastraße 27 ein, die die Luftschutzräume noch einmal verbesserte. Bei den Bombardierungen Bonns wurde das Haus erheblich beschädigt.

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[sstoggle title="Josef Messinger: Opfer des Nationalsozialismus"] Josef Messinger wurde beschuldigt, im Dezember 1930 am so genannten “Blutigen Sonntag” den jungen Nazi Klaus Clemens erschossen zu haben. Obwohl Messinger in einem Prozess 1931 vom Vorwurf des Mordes freigesprochen wurde, galt er den Nazis weiter als “der Mörder von Klaus Clemens”. Clemens wurde von ihnen als “Märtyrer der Bewegung” hochstilisiert. So wurde unter anderem im März 1933 die Bonner Rheinbrücke in “Klaus-Clemens-Brücke” umbenannt.

Am 1.März 1933 wurde Josef Messinger verhaftet und im Gefängnis in der Wilhelmstraße inhaftiert. Er wurde mehrfach zu Verhören hier in die SS-Kaserne gebracht und dort in den ehemaligen Gefängniszellen, die den Nazis als Folterkeller dienten, schwer misshandelt. So berichtete er seinem ebenfalls inhaftierten Schwager, daß man ihn nackt ausgezogen hat und er mit einem harten Wasserstrahl aus einem Hydrantenschlauch bis zur Besinnungslosigkeit gefoltert wurde. Außerdem wurde er von SS-Leuten mit Reitpeitschen und anderen Gegenständen malträtiert. Bei seinem letzten Verhör am 11. Juli wurde er so schwer misshandelt, dass er noch in der darauffolgenden Nacht starb. In der Öffentlichkeit verbreitete man das Gerücht, er habe Selbstmord begangen.

Im Juni 2003 hat der Künstler Gunter Demnig im Beueler Stadtteil Limperich im Auftrag des “Förderkreises Oscar-Romero-Hauses e.V.” einen “Stolperstein” verlegt. Mit diesem Stein möchte der Förderkreis an das Schicksal Josef Messingers erinnern. Zu finden ist der Stolperstein auf dem Gehweg vor seinem früherem Wohnhaus “Am Finkenberg 1″. Zum Schicksal von Josef Messinger gibt es auch einen Videofilm von Bernd Geisen: Josef Messinger, Bundesrepublik Deutschland 1989, Farbe, ca. 30 Minuten.
Ausleihbar bei: Verein An der Synagoge e.V., Franziskanerstr. 9, 53113 Bonn, Tel.: 0228/69 52 40, FAX: 0228/69 52 19. [/sstoggle]

 

[sstoggle title="bis 1973: Mietshaus und Obdachlosenasyl"]

hausbis1973

“Bei der heutigen Besichtigung Viktoriastr. No. 27 Bes. (Besitzer, d.Verf.) habe ich folgendes festgestellt: Das Dach ist undicht und läßt Wasser durch bis zum 2 Obergeschoß. Es fehlen Fenster und Türen sowie Decken und Wandputz. Ein Kamin kann benutzt werden, alle anderen Kamine sind verstopft. Die Klosettanlagen können teilweise nicht benutzt werden. Das Haus ist vor einer Instandsetzung unbewohnbar. Ausgenommen im Erdgeschoß wohnt eine Familie und der Einreißtrupp. Gez. Sauer.”

Angesichts der großen Wohnungsnot war dies aber offenbar kein Hinderungsgrund, die Räume bis zum 1. Obergeschoß zu vermieten, bzw. obdachlos gewordenen Familien zu überlassen. Immerhin bis 1962 wurde das Haus in dieser Weise genutzt, seit 1963 dann nach einigen Renovierungen aber als Ausweichquartier und Notwohnungen für “zahlungssäumige Mieter”.

Zu den wenig planvollen Bautätigkeiten der frühen Nachkriegszeit gehört auch der Anbau eines Eckhauses einschließlich eines Biergartens, das aber bereits nach kaum 15 Jahren wieder wegen der Verbreiterung der Rheinuferbahntrasse abgerissen wurde.
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[sstoggle title="Seit 1973: Vom Katholischen Studentenwohnheim zum Oscar-Romero-Haus "]

hausseit1973klAnfang der siebziger Jahre sollte das Haus abgerissen werden. Doch unter der Leitung des damaligen Studentenpfarrers Martin Huthmann wurde das Haus unter der Trägerschaft des Hilfswerks der katholischen Studentengemeinde von Studierenden und einigen Helfern renoviert und umgebaut.

1982 kaufte der neugegründete “Förderkreis Oscar-Romero-Haus e.V.” das Gebäude. Nachdem ursprünglich drei Wohngemeinschaften dort lebten, beherbergt das Haus, das seit 1983 den Namen Oscar Romeros trägt, heute zwei Wohngemeinschaft sowie die Büros der Informationsstelle Lateinamerika (ila), die Rosa-Luxemburg-Bibliothek und eine Beratunsstelle des medinetz e.V.

Seit den siebziger Jahren verfolgen die Bewohner des Hauses verschiedene Projekte. Ob Friedensbewegung zu Anfang der achtziger Jahre, ob ökologische Umgestaltung des Hause Ende der achtziger Jahre, ob “Totalverweigererkollektiv” zu Zeiten des Golfkrieges 1990 oder die Aufnahme von Flüchtlingsfamilien aus Bosnien im Haus Mitte der neunziger Jahre – die Projekte des Hauses standen immer im Bezug zu ihrer Zeit, und nicht selten widersprachen sie dem herrschenden Zeitgeist.
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